Bericht von den zwei AKIB-Expertenworkshops

Wie im vorherigen Beitrag angekündigt, fanden im Rahmen des AKIB-Projektes am 02. Oktober für das Bibliothekswesen und am 08. Oktober 2012 für das Archivwesen zwei Expertenworkshops in Berlin statt. Das Deutsche Institut für Pädagogische Forschung (DIPF) hatte freundlicherweise als Projektpartner seine Räumlichkeiten an der Warschauerstraße 36 zur Verfügung gestellt. In diesem Beitrag soll nun über den Verlauf der Expertenworkshops berichtet werden.

Ziel beider ganztägigen Veranstaltungen war es, die bedeutendsten Schlüsselkompetenzen in Abgrenzung zu den ohnehin für beide Informationsberufe notwendigen Fachkompetenzen, abzufragen. Hierfür brachten Beschäftigte aus Hamburg, Rostock, Hannover, Münster, Bonn, Potsdam, Prenzlau und Berlin ihre Erfahrungen als Expertinnen und Experten beider Berufsgruppen ein. Damit die Zielfrage aus möglichst vielfältigen Blickwinkeln betrachtet werden konnte, hatte das AKIB-Projektteam bei der Auswahl der Eingeladenen sowohl auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis als auch ein breites Spektrum an Repräsentantinnen und Repräsentanten unterschiedlichster Archiv- oder Bibliothekstypen geachtet. Darüber hinaus wurden bewusst Beschäftigte differenzierter Verantwortungsbereiche und Hierarchiestufen eingeladen. So saßen von der Direktion über Abteilungsleitungen bis zur grundständigen Tätigkeit des gehobenen und höheren Dienstes aus großen bis sehr kleinen Einrichtungen verschiedener inhaltlicher Ausrichtungen an diesen beiden Tagen zusammen.

Der Tagesablauf war für beide Workshops, die von Frau Jana Löffler (artop GmbH) moderiert wurden, jeweils identisch. Zu Beginn wurde eine Vorstellungsrunde durchgeführt, in der nicht nur zur Person, sondern auch von den eigenen Erwartungen an den Workshop und über die Schlüsselkompetenzen berichtet wurde, die erst nach dem Studium im Berufsleben angeeignet wurden. Häufig genannt wurden das Ziel der Verbesserung des Studiums und der Wunsch, daran selbst mitzuwirken. Aber auch die Hoffnung, Anregungen für die Ausformulierung von Stellenprofilen sowie für die eigene Arbeit mit Praktikanten und Auszubildenden mitzunehmen, war von Bedeutung. Es war Konsens unter den Expertinnen und Experten, dass die wenigsten für den jeweiligen Verantwortungsbereich benötigten Schlüsselkompetenzen bereits im Studium erworben werden konnten. Dies geschah in aller Regel erst während der Ausübung der beruflichen Tätigkeiten. Beispielhaft für die genannten, nachträglich erlernten Schlüsselkompetenzen sollen an dieser Stelle die Kommunikations- und Teamfähigkeit, Multitasking, didaktisches Vorgehen, Führungskompetenzen, Dienstleistungskompetenz und Konfliktmanagement erwähnt werden.

Anschließend schrieben alle Teilnehmenden in einem ersten Schritt typische Tätigkeiten auf Moderationskarten und sammelten diese in Kleingruppen – strukturiert nach gemeinsamen übergreifenden Arbeitsschwerpunkten – jeweils an einer Pinnwand.  Nach der Präsentation jeder Pinnwand vor der gesamten Runde wurden aus den übergreifenden Tätigkeitsbereichen, die auch als „Rollen“ bezeichnet werden, in einem zweiten Schritt sogenannte „Personas“ gebildet. Diese sind nichts anderes als Personifikationen jeder allgemeingültigen Rolle in einer Bibliothek oder in einem Archiv, wie beispielsweise die Öffentlichkeitsarbeit oder Erschließung. Sie sind lediglich mit einem Namen, Alter, Arbeitsort und einem gezeichneten Gesicht versehen. Die Umwandlung der Rollen in Personas ist eine Vorgehensweise, die es den Expertinnen und Experten erleichtert, sich mit den anfallenden Tätigkeiten einer konkreten Person auseinanderzusetzen, statt mit abstrakten Rollen.

Am 02. Oktober 2012 diskutierten Expertinnen und Experten aus verschiedenen bundesweiten Bibliothekseinrichtungen über typische Tätigkeiten in Bibliotheken und die dafür notwendigen Schlüsselkompetenzen

Pro Expertenworkshop wurden fünf Personas gebildet, für die dann jeweils in fünf Kleingruppen ein typischer Tagesablauf skizziert wurde. Von diesem Tagesablauf wurden die ersten Schlüsselkompetenzen abgeleitet und wieder mittels Moderationskarten auf einer Pinnwand pro Persona gesammelt. Gleich darauf wurden sie um Schlüsselkompetenzen erweitert, die sich aus potenziellen kritischen Situationen im Berufsalltag einer jeden Persona ergeben. Aus diesen verschiedenen Betrachtungsweisen heraus entstanden schließlich in jedem Expertenworkshop fünf typische Tätigkeitsbereiche mit den dafür notwendigen Schlüsselkompetenzen.

Im letzten Arbeitsblock kennzeichnete jede Expertin und jeder Experte die ihrer bzw. seiner Meinung nach sieben wichtigsten Schlüsselkompetenzen jeder Persona, woraus sich eine erste Gewichtung der am häufigsten als bedeutsam gewerteten Schlüsselkompetenzen ergab. Nur für diese eingegrenzte Auswahl an gewichteten Schlüsselkompetenzen durften schließlich im letzten Schritt alle Workshop-Teilnehmenden zehn Punkte für die wichtigsten Schlüsselkompetenzen Persona-übergreifend vergeben. Je mehr Punkte eine Schlüsselkompetenz erhielt, desto höher stand sie im Ranking. Diese zweite, abschließende Gewichtung spiegelt quasi die an jeder Stelle im Archiv oder in der Bibliothek optimal einzusetzende Idealperson dar, die über alle typischen Schlüsselkompetenzen verfügt (für die Ergebnisse siehe Fotos unten).

Insgesamt waren die teilnehmenden Expertinnen und Experten am Ende der Workshops sehr zufrieden mit dem, was sie erarbeitet haben und auch für sich mitnehmen konnten. Die Ergebnisse überraschten zwar viele, und hinterließen offene Fragen. Aber alle zogen für sich eine sehr positive Bilanz, da sie viele Anregungen aus dem Expertenworkshop für ihr eigenes Tätigkeitsfeld mitnehmen konnten: Von der Diskussion über die Tätigkeiten und Schlüsselkompetenzen, über die angewendete Moderationstechnik bis hin zur Zusammensetzung einer Arbeitsgruppe aus verschiedenen Hierarchiestufen.

Die beiden Gewichtungen der Schlüsselkompetenzen im Bibliotheks- und Archivwesen, die oben auf den Fotos zu sehen sind, können nur als vorläufiges Ergebnis betrachtet werden. Die genauere Auswertung der beiden Workshops durch das AKIB-Projektteam wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Die Ergebnisse werden zunächst in den jetzt folgenden Erhebungsformaten zur Untersuchung des aktuellen Ausbildungsstandes in der Fernweiterbildung und im Direktstudium an der Fachhochschule Potsdam einfließen. Erst nach Abschluss der Gesamtuntersuchung wird diese dann in den einschlägigen Publikationsorganen der jeweiligen Fächer der Öffentlichkeit präsentiert werden. Wir bitten daher in Bezug auf eine abschließende Präsentation der Erkenntnisse aus den Expertenworkshops noch um ein wenig Geduld.

Ein Gedanke zu “Bericht von den zwei AKIB-Expertenworkshops

  1. Vielen Dank für den detailreichen Bericht.
    Für mich persönlich war erstaunlich (aber nachvollziehbar), dass doch relativ deutlich „Führungskompetenz“ als eine wichtige Schlüsselkompetenz im Bibliotheksbereich herausgearbeitet wurde. Die große Bedeutung von „Begeisterungsfähigkeit“ ist sicherlich gerade auch dem aktuellen Wandel des Berufsbildes geschuldet. Es wurde zwar gesagt, dass das Bild der „Idealen Bibliothekarin“ auch einer Einzelhandelskauffrau entsprechen könnte, aber das liegt wahrscheinlich an dem noch hohen Abstraktionsgrad der Konzepte. Sicher wird die weitergehende Analyse hier ein differenzierteres Bild liefern.
    Für die „Ideale Archivarin“ ist verständlich, dass „Wirtschaftliches Denken“ hervorgehoben wurde. Als derjenige, der dieses Fach unterrichtet, ist diese Erkenntnis aber etwas verwirrend, sind es doch gerade die Studierenden im Studiengang Archiv, die das Fach am wenigsten mögen.

    Hans-Christoph Hobohm

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