Konferenz „Forschendes Lernen“ an der FH Potsdam

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Passend zum Projektablauf fand vom 2. bis 3. September 2013 eine hochkarätige Konferenz zum Thema kompetenzbasiertes Lernen an der Fachhochschule Potsdam statt. Sie wurde organisiert von dem interdisziplinären FL² Team der Hochschule – geleitet von Prof. Harald Mieg.

Neben interessanten und interaktiven Workshops gab es die Gelegenheit, die beiden wichtigsten Autoren des Konzeptes „Forschendes Lernen“ einmal live zu erleben. Ludwig Huber gilt als einer der Urheber des Konzeptes forschendes Lernen, das seinen Ausgangspunkt in der Bundesassistentenkonferenz 1970 fand wie Harald Mieg betonte. Ludwig Huber (Prof. em. d. Uni Bielefeld) stellte ein Raster unterschiedlicher Ansätze zur Definition des Konzeptes vor, indem er darauf hinwies, dass es sich dabei nicht nur um „aktives“ oder „Problem basiertes Lernen“ handelt, sondern um mehr. Seine „Kurzdefinition“:

Forschendes Lernen zeichnet sich vor anderen Lernformen dadurch aus, die Lernenden den Prozess eines Forschungsvorhabens, das auf die Gewinnung von auch für Dritte interessanten Ergebnissen gerichtet ist, in seinen wesentlichen Phasen, von der Entwicklung der Fragen und Hypothesen über die Wahl und Ausführung der Methoden bis zur Prüfung und Darstellung der Ergebnisse in selbstständiger Arbeit oder in aktiver Mitarbeit in einem übergreifenden Projekt (mit)gestalten, erfahren und reflektieren.

„Wissenschaftliches Arbeiten“ wie es an Hochschulen und in mittlerweile auch in vielen Schulen gelernt/gelehrt wird, bezieht sich meist auf den allgemeinen „Research-Teaching Nexus“, den Weingarten als das irrsinnigste Prinzip bezeichnete, das je erfunden wurde. Dennoch wird in der Hochschule „forschungsbasiertes Lernen“ in Form der Verknüpfung von Forschung und Lehre meist grundsätzlich in dem Sinn praktiziert, dass die maßgebliche, aktuelle Forschung und ihre Diskurse zur Basis der Lehre und den Lernenden anschaulich gemacht wird. Die nächste Stufe des „forschungsorientierten Lernens“ beinhaltet in größerem Maße, die Heranführung an den Forschungsprozess selber, z.B. durch Integration von Studierenden in reale Forschungsprojekte. Eigentliches „Forschendes Lernen“ bedeutet als vierte Stufe dieser Taxonomie von Huber die größte Autonomie der Lernenden, Forschungsprozesse selber durchzuführen im Sinne der o.g. Definition.

Zum aktuellen Stand des Einsatzes Forschenden Lernens ist Huber eher skeptisch: es gibt immer wieder gute dokumentierte Erfahrungsberichte von Einzelprojekten, die dies einsetzen, deren Ergebnisse sich aber als wenig generalisierbar erweisen. Es gibt zu wenig Langzeituntersuchungen zu lerntheoretischen Effekten.

Das Schlusswort (letzte Folie des Vortrags) von Huber lässt Humboldt zu Wort kommen:

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Joachim Ludwig (Universität Potsdam) zeichnete ein etwas anderes Bild der neueren Konzeptionalisierung von Forschendem Lernen. Interessanterweise konnte man in den Diskussionen nach den Vorträgen beobachten, dass die beiden federführenden Wissenschaftler dieses Arbeitsgebietes sich im Grunde trotz formaler Differenzen relativ einig waren. Ludwigs Ansatz bezieht das etwas neuere Konzept der Professionalität als zentrale Kategorie mit ein und betont eher eine grundsätzliche Strukturgleichheit von Forschung und Lehre. Wenn „Lernen eine Verhältnisbestimmung zwischen mir und der Welt“ ist, dann ist dies Forschung ebenso. Es dreht sich immer um Handlungs- und Erkenntnisproblematik und die Frage der Entwicklung eines Zugangs zu einem Problem. Expliziter als Huber verweist Ludwig auf den Gesellschaftsbezug von eigentlichem Forschenden Lernen („Typ 3“): hierbei dreht es sich nicht nur um Methodenkenntnis (Typ 1) oder konkrete Teilhabe an Forschung (Typ 2), sondern verstärkt um die Einbettung des Lernens und Forschens  in die Fragen der professionellen Community und der Gesellschaft.

Als prominentes Praxisbeispiel nennt Ludwig das Modell der Universität Lüneburg (Leuphania), die für alle Studiengänge im ersten und zweiten Semester eine Art gesellschaftspolitischer Selbsterkenntnisphase vorsieht, die mehr ist als das meist praktizierte „Studium Generale“, und die Studierenden auf ihre gesellschaftspolitischen Rollen mit akademischer Führungsverantwortung  vorbereiten will im Sinne der Frage nach gesellschaftlicher, aber auch naturwissenschaftlich technischer Nachhaltigkeit.

In der Schlussdiskussion zwischen Huber und Ludwig wird schließlich deutlich, dass der ursprüngliche Shift von Teaching zu Learning, der die ersten Konzepte des Forschenden Lernens auszeichnete, mittlerweile einen Shift vom Teaching zu den „gesellschaftlichen Verhältnissen“ erfahren hat und damit den allgemeinen Handlungs- und Kompetenzbegriff erweitert.

Die schon von Harald Mieg angestossene Diskussion um Professionalisierung bekam durch die Konferenz den zusätzlichen Impuls der „Reflexion“ als Kernkategorie akademischen Lernens. Insgesamt ein sehr anregender Input für unser Projekt, noch dazu im eigenen Haus …